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15.02.2009

Koordinationsrat der Muslime in Mecklenburg-Vorpommern wählte seine Sprecher  

Der durch die zentrale Gaza-Kundgebung bekannt gewordene Koordinationsrat der Muslime in Mecklenburg-Vorpommern (KRMV) hat am Wochenende in Rostock seine Sprecher gewählt: Dr. Ahmed Maher Fakhouri (Islamischer Bund in Rostock, Organisation) und Uwe Mikail Troppenz (Islamischer Bund in Schwerin, Öffentlichkeitsarbeit).

 

Weiterhin gehören dem Sprecherrat drei Vertreter der anderen dem KRMV angeschlossenen Vereine aus Greifswald, Wismar und Neubrandenburg an. Der KRMV besteht aus diesen fünf Vereinen, die jeweils mit zwei Repräsentanten vertreten sind. Gruppen aus weiteren

Städten haben ihre Mitarbeit signalisiert. Der KRMV, im November 2008 gegründet, bemüht sich um eine Zusammenarbeit der Muslime in Mecklenburg-Vorpommern, um die gemeinsamen Aufgaben und Probleme besser zu meistern und der Öffentlichkeit gegenüber mit einer Stimme zu sprechen. Als Partner für die anderen Religionsgemeinschaften und Vereine, die Parteien, Gremien und Behörden will der KRMV Misstrauen und

Missverständnisse ausräumen und zu einem guten Miteinander von Muslimen und Nichtmuslimen in unserem Bundesland kommen.

Dr. Maher Fakhouri: „Muslimisches Leben in Mecklenburg- Vorpommern soll nichts Exotisches sein, sondern eine ganz normale Facette unserer Gesellschaft.“

 

Nachruf für Bruder Abdulkarim Grimm, gestorben am 01.2.2008 

Es ist wieder ein Stern von uns gewichen. Sterne haben die Eigenschaft, dass man sich in der Dunkelheit an ihnen orientieren kann, dass sie aber unerreichbar sind.

Bruder Abdulkarim war einer von diesen leuchtenden Sternen am deutsch-islamischen Himmel. Er war länger Muslim als die meisten der hier anwesenden Geschwister und einer der ältesten deutschsprachigen Muslime überhaupt.   

1990 kam ich nach Hamburg; seitdem kenne ich ihn. Bei allen relevanten Veranstaltungen war er stets anwesend und stets mit seiner zauberhaften Fatima. Wie zwei Turteltauben waren sie auch noch in ihrem hohen Alter ein Vorbild in ihrem Eifer für die Sache des Islam.

Ihre kleine liebevolle Madrasa war eine klein aber eine Institution: man konnte sich dort Rat holen, beten, den Quran lesen und verstehen lernen, schlafen, wenn man kein Dach über dem Kopf hatte, einen Streit schlichten lassen und schließlich fanden viele die Rechtleitung in dieser gesegneten Räumlichkeit und legten die Schahada ab.

Es gab wenige Menschen in Hamburg, mit denen man so kumpelhaft und scherzhaft miteinander umgehen konnte wie mit Bruder Abdulkarim und vor dem man gleichzeitig hohen Respekt hatte, und dies nicht zuletzt wegen der großen Statur. Doch in dieser großen harten Schale war ein weicher Kern: er war weichherzig, gutmütig und hilfsbereit. Er war seinen Geschwistern gegenüber barmherzig, seinen Gegnern aber unnachgiebig und rigoros.

Gut kann ich mich noch daran erinnern, wie er bei einer Veranstaltung an der Uni Hamburg, bei dem ein Gast aus dem Iran reden sollte und einige oppositionelle Chaoten lauthals Parolen riefen, Plakate ausstreckten und wir Mühe hatten, diese zu besänftigen, mit einer überraschenden Aktion, rund 20 von ihnen ganz allein in den Ausgang des Hörsaals quetschte. Danach war aber auch Ruhe. Ja, er war wie Omar (r) weichherzig und mächtig, Respekt einflößend und bestimmend zugleich, aber immer gerecht.

Einst erzählte er mir die Geschichte des Erwerbs der Centrumsmoschee in der Böckmannstraße. Da es zu der Zeit kaum jemanden gab, der von der ersten Generation der Gastarbeiter im Stande gewesen wäre, die ganzen formalen Dinge  zu klären, half er seinen türkischen Brüdern. Und als dann der Vertrag unter Dach und Fach war, ging es an den Umbau. Bekanntlich war das Gebäude ein medizinisches Kurbad gewesen, in dem riesige Badewannen aus Gusseisen standen, die entsorgt werden mussten. Er meinte, dass die Türken nun einen Kran holen und die Fassade z. T. einreißen würden, um diese Wannen zu entfernen. Einige Wochen später kam er und wunderte sich darüber, dass die Wannen nicht mehr da waren und die Fassade noch heil war. Als er dann erfuhr, dass diese Wannen mit einem Schneidbrenner, Hammer und der bloßen Hand zersägt worden und von diesen kleinen, schmächtigen Türken entsorgt worden waren, die zuvor täglich 10,12 oder 14h bei Blohm & Voss gearbeitet hatten und dann noch etliche Stunden nach Feierabend und am Wochenende in „ihrer“ Moschee verbrachten, fing er an zu weinen. Er sagte mir, „ohne einen festen Glauben, wäre dieses nie möglich gewesen. Glaube versetzt eben Berge!“

Wenn ich ihn um Rat konsultierte, gab es keinen Aufschub. Er hatte immer ein offenes Ohr für mich. Wenn er das Gefühl hatte, dass ich Rat gebrauchen könnte oder in einer schwierigen Entscheidungslage war, rief er mich an oder schickte mir einen Brief, um mir die Entscheidung zu erleichtern.

Er zollte jedem Respekt, egal ob groß oder klein. Obwohl er mein Großvater hätte sein können, begrüßte er mich bei jeder Begegnung immer herzlich und auf Türkisch mit den Worten: „Hos geldin, Mustafa Efendi! Nasilsin?“, was mir besonders schmeichelte. Dies waren auch seine letzten Worte an mich, als ich ihn zwei Tage vor seinem Ableben im Bundeswehrkrankenhaus besuchte. Geschwächt und des Atmens müde war immer noch dieses freundliche Lächeln auf seinen Lippen. Er war sehr stark abgemagert, vielleicht um 40-50kg. Er war aber unverkennbar so etwas wie unser freundlicher Patriarch.  

Seine Verdienste um die Gründung der Schura und um den Einheitsprozess der Muslime auf Bundesebene muss mit besonderer Ehrerbietung gewürdigt werden. Er war stets ein Pragmatiker für einfache, schlichte Lösungen, kein Theoretiker und Quacksalber. Es ging ihm immer um die Sache und nicht um persönliche Eitelkeiten. Amüsant waren seine emotionalen Ausbrüche, wenn er bei den Schura-Versammlungen dem nicht minder emotionalen Bruder Norbert Müller seine Meinung mal sagen musste und immer wieder an dessen linksradikale Vergangenheit erinnerte. Wenn er redete, schwiegen die anderen. Er setzte oft den Punkt unter viele langwierigen und langweiligen Diskussionen. Er hat noch bis zuletzt an allen Sitzungen der Schura teilgenommen, sofern ihm dies gesundheitlich möglich war.

Er war stets bemüht um einen Islam deutscher Prägung, mit deutschem Gesicht. Für ihn hatte sich der Staat an den Islam und an den Bedürfnissen der Muslime orientieren müssen und sich auf sie einstellen müssen. Für ihn waren Heimat und Religion unzertrennlich. Wo hätte er auch als deutscher Muslim heimisch sein sollen?

Er sagte: Ich habe drei Indikatoren, an denen sich feststellen lässt, wann der Islam in Europa angekommen ist.

1. Wenn wir aus der Verbannung ins Hinterhof-Milieu an die lichte Öffentlichkeit treten.

2. Wenn die Toiletten und Waschräume in unseren Moscheen das Niveau eines zumindest Vier-Sterne-Hotels erlangt haben, und vor allen Dingen, wenn die Benutzer dieser Anlagen gesittet-reinlich diese Örtlichkeiten hinterlassen.

3. Wenn ich auf den Raststätten an der Autobahn Waschmöglichkeiten für meine Ausscheidungsorgane vorfinde und auf jedem Rastplatz an der Autobahn ein sauberer, nach Mekka ausgerichteter Gebetsplatz bereitgehalten wird.

Dann sind die Muslime tatsächlich in Europa angekommen.

Lieber Abdulkarim,

wir nehmen dies als Vermächtnis auf und werden daran arbeiten. Ruhe in Frieden, möge Allah Dich segnen und Dir und uns gegenüber Sein Wohlgefallen und seine Gnade erweisen. Amin!

Mustafa Yoldas  

 

 

Islam in Deutschland - Eine Prise Geschichte

Von Murad Wilfried Hofmann

1989 fand im Berliner Gropius-Bau eine großartige Ausstellung zum Thema „Europa und der Orient 800 -1900" statt, Darin wurden die schier unzähligen islamischen Einflüsse auf alle Bereiche der okzidentalen Kunst aufgezeigt, sei es in Malerei, Architektur, Musik, Handwerk, Etikette, Sprache oder Mode. Im Gegensatz dazu war der religiöse Einfluß des Islam auf Europa in dieser langen Periode minimal geblieben. Dies trifft auf Deutschland besonders zu, da es im Gegensatz zu Spanien, Frankreich, Italien und Österreich nie eine muslimische Belagerung oder gar Besetzung erfahren hatte. Die Araber kamen 732 nicht weiter als bis Tours und Poitiers, und die Türken bissen sich an Wien wiederholt, 1529 und 1683, die Zähne aus.

In Preußen fing es an. Zwar gab es zwischen Karl dem Großen und dem berühmten abbasidischen Kalifen in Bagdad, Harun al-Raschid, nachweislich diplomatische Kontakte mit Geschenkaustausch. Dennoch kann von echten bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und der muslimischen Welt frühestens ab 1731 die Rede sein. In diesem Jahr rekrutierte der Preußenkönig Friedrich Wilhelm l. zwanzig türkische Soldaten für seine Garde. Für sie wurde 1732 in Potsdam die erste Moschee auf deutschem Boden improvisiert. Schon unter seinem Nachfolger, Friedrich dem Großen, wuchs die Anzahl muslimischer Soldaten in preußischem Sold - Tataren, Bosnier und Albaner - auf etwa 1000 an, so daß bereits ein Vorbeter (Imam) für sie ernannt werden mußte. Aus dieser Zeit, der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, datiert auch der älteste muslimische Friedhof Deutschlands bei Berlin.
Wer mehr darüber wissen will, nehme sich das 1981 in Graz erschienene Buch Geschichte des Islam in Deutschland sowie Halbmond unter dem Preußenadler (Altenberge 1984) vor, beide von M. S. Abdullah. Im 19. Jahrhundert verstärkten sich die deutsch-islamischen Kontakte. Helmuth von Moltke, der spätere Generalissimus, leistete als einfacher Hauptmann dem osmanischen Sultan von 1835 -1839 außerordentlich gute Dienste. Ein anderer, zum Islam übergetretener Deutscher, Dr. Eduard Schnitzer, machte als ziviler Berater eine bemerkenswerte Karriere als osmanischer Beamter. Als Mehmet Emin Pascha fungierte er sogar als Gouverneur von Äquatorial-Afrika. Ein anderer, abenteuerlicher deutscher Konvertit, Karl Detroit aus Brandenburg, brachte es als Mehmed Ali zum Feldmarschall der osmanischen Streitkräfte.

Der Reisekaiser

Den Vogel schoß jedoch Kaiser Wilhelm II. mit seinem Bemühen ab, als Beschützer der islamischen Welt (vor den imperialistischen Engländern, Franzosen und Russen) zu glänzen. Seine spektakulären Reisen 1895 nach Istanbul, 1898 nach Damaskus und 1905 nach Tanger hinterließen dort bleibende Eindrücke.
Daß die treibende Kraft der Jungtürken, Enver Pascha, die Türkei auf Seiten der Mittelmächte in den 1. Weltkrieg führte, war kein Zufall; war er doch zuvor Militärattache in Berlin. Während dieses Krieges mußte man für die rund 15.000 muslimischen Kriegsgefangenen aus Rußland, Nordafrika und Senegal eine weitere Moschee in der Näher von Berlin bauen, diejenige von Wünsdorf bei Zossen. Sie wurde 1915 im Beisein des türkischen Botschafters eingeweiht.
Von einer ersten deutschstämmigen muslimischen Gemeinde kann man aber erst seit 1922 sprechen. Sie scharte sich um den Inder Maulana Sadr ud-Din, der 1925 die noch sehenswerte Kuppelmoschee in Berlin-Wilmersdorf übernehmen konnte.

Nazis flirten mit dem Islam

Im 2. Weltkrieg hatte das Problem der Betreuung muslimischer Kriegsgefangener größere Proportionen angenommen; diesmal mußte man sich um ca. 60.000 sowjetische und jugoslawische Muslime kümmern. Angestachelt von dem von Berlin hofierten und dort residierenden Großmufti von Jerusalem, Amin el-Husseini, ließen sich viele dieser Gefangenen darauf ein, auf Seiten des Deutschen Reichs gegen die Kolonialmächte und den sowjetischen Atheismus zu kämpfen. Diese traurige Episode hat Klaus Gensicke in seinem Buch Der Mufti von Jerusalem Amin el-Husseini und die Nationalsozialisten (Frankfurt 1988) dokumentiert.
Partei, Wehrmacht und Waffen-SS duldeten damals nicht nur ein „Islamisches Zentralinstitut" in Berlin, sie ließen sich die Gelegenheit nicht entgehen, Tataren, Turkmenen, Kirgisen, Bosnier, Montenegriner und Albaner für ihre Zwecke einzuspannen. Dafür errichtete die Wehrmacht 1944 sogar eine Heeresschule zur Ausbildung ihrer eigenen Imame und Mullahs. Die deutschen muslimischen Einheiten trugen Heeresuniformen mit Schulterwappen in den palästinensischen Farben mit der aufgestickten Aufschrift „Freies Arabien" auf deutsch und arabisch.
Erneut gerierte sich Deutschland also als Beschützer der islamischen Welt. Dieses Abenteuer nahm 1945 ein jähes und für viele der Wehrmachts-Muslime tragisches Ende. Immerhin gelang es dem deutschen Muslim Mahmoud Heitmann (später in saudi-arabischen Diensten), den palästinensischen Großmufti einen Teil seines Rückweg von Berlin nach Jerusalem zu begleiten.

Deutsche Orientalisten

Seit dem 18. Jahrhundert ( man denke an den Arabisten Johann Jacob Reiske in Leipzig, 1716 - 1774), besonders aber im 19. Jahrhundert hatte sich die deutsche Orientalistik einen vorzüglichen Namen gemacht - und bis heute behalten. Dies lag vor allem daran, daß die deutschen Wissenschaftler anders als ein Lawrence of Arabia sich nie als Agenten des Kolonialismus verstanden oder so verhielten. Vielmehr studierten sie den Islam um seiner selbst willen, im typisch positivistischen Geist ihres Jahrhunderts. Die von Theodor Nöldeke 1860 vorgelegte, preisgekrönte Geschichte des Korans befaßte sich im Westen erstmals eingehend mit der Datierung jedes einzelnen Koran-Verses. Der Tübinger Orientalist Rudolf Paret, der dem Koran ebenfalls sein ganzes Leben widmete, war im 20. Jahrhundert ein würdiger Nachfolger Nöldekes.
Die erste Übersetzung des Buches ins Deutsche - von Salomon Schweigger - war übrigens bereits 1616 in Nürnberg erschienen. Bezeichnenderweise nannte sie sich Alcoranus Mahumeticus, das ist: Der Türcken Alcoran, Religion und Aberglauben. Da sie nicht vom arabischen Urtext ausging, sondern von einer italienischen Fassung, die ihrerseits auf einer lateinischen beruhte, kann man sich das Resultat vorstellen.
Erst 1772 wurde dieser Defekt wenigstens methodisch korrigiert, mit David Friedrich Megerlins Übersetzung der „Türkischen Bibel" direkt aus dem Arabischen. Es war diese Fassung, die Johann Wolfgang von Goethe - von Johann Gottfried Herder dazu angestoßen - dem Islam so nahe brachte, daß manche noch heute vermuten, er sei insgeheim Muslim geworden. Hatte der in Wahrheit dem Deismus huldigende Dichterfürst doch in seinen Anmerkungen zum West-östlichen Diwan den kryptischen Satz geschrieben: "Der Dichter...lehnt den Verdacht nicht ab, daß er selbst ein Muselmane sei." Goethe bekannte jedenfalls im „Buch der Sprüche": „Wenn Islam Gott ergeben heißt, in Islam leben und sterben wir alle."
Wie begeistert wäre er erst gewesen, wenn er den bisher einzigartigen Versuch des orientalistischen Dichters Friedrich Rückert erlebt hätte, den Koran in deutsches Versmaß zu übertragen (Frankfurt 1888). Seither sind über 20 Koran-Übersetzungen ins Deutsche erschienen, darunter im 20. Jahrhundert endlich auch sechs aus muslimischer Feder (Muhammad Rassoul; Fatima Grimm et al.; Murad Hofmann; Ahmad von Denffer; Amir Zaidan; Nadeem Elyas / Frank Bubenheim).

Die muslimische Immigration

Die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts stellte nach Quantität und Intensität alles in den Schatten, was es zuvor an deutsch-islamischen Kontakten gegeben hatte. Heute begegnet man Muslimen in Deutschland nicht nur gelegentlich wie Goethe 1814 in Gestalt russischer Soldaten aus Baschkiristan, sondern auf Schritt und Tritt; denn heute wohnen 14 Millionen Muslime in der Europäischen Union, davon 3,4 Millionen in Deutschland. 2005 hatten 950. 276 von ihnen einen deutschen Paß. Davon waren 14. 352 deutschbürtig.
Überall wurden repräsentative Moscheen gebaut, nicht nur in Paris, London, Rom, Wien, Zagreb, Lissabon und Cordoba, sondern auch in Hamburg, München, Mannheim, Darmstadt und Pforzheim. In allen europäischen Ländern konvertieren Europäer in wachsender Zahl zum Islam, in Deutschland mehr als 1000 pro Jahr, 60% davon Frauen.
Früher waren es außerordentliche Einzelfälle, wie Muhammad Asad (Leopold Weiss, siehe unten) oder der Mystiker Frithjof Schuon. In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts zog der Islam Persönlichkeiten aus allen Bereichen an: Popstars wie Cat Stevens (Yusuf Islam), Choreographen wie Maurice Bejart, Boxer wie Cassius Clay (Muhammad Ali), Politiker wie Roger (Raja) Garaudy, Diplomaten wie Dr. Murad Wilfried Hofmann, Anwälte wie Norbert Müller, Wirtschaftswissenschaftler wie Dr. Ayyub Köhler, Agrarwissenschaftler wie Dr. Peter Khalil Kirmsse, Psychologen wie Mihriban Özelsel und Journalisten wie Abdul Hadi Hoffmann. Doyen der deutschen Muslime war Muhammad Aman (Herbert) Hobohm (Bad Honnef) geworden. Er war bereits 1939 als 13-Jähriger zum Islam übergetreten. Beruflich war er zuletzt neun Jahre lang Wirtschaftssachbearbeiter an der deutschen Botschaft in Riyad und im Ruhestand bis 2006 12 Jahre lang stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD).

Leopold Weiss, Gottes Geschenk an den Islam

Ein Muslim deutscher Zunge, Leopold Weis - besser bekannt als Muhammad Asad - war der bedeutendste Konvertit des 20. Jahrhunderts weltweit. Sein unglaublich abenteuerliches Leben läßt sich nicht in drei Zeilen beschreiben. Er wurde am 2. Juli 1900 in eine jüdische Rabbiner-Familie im galizischen Lemberg (Lvov) geboren, das damals noch zu Österreich-Ungarn gehörte. Als 14-Jähriger entlief er (vergeblich) zur Armee, um am 1. Weltkrieg teilzunehmen. 1918 studierte er Chemie und Philosophie in Wien, der Stadt von Sigmund Freud und Ludwig Wittgenstein. Den jungen Leopold zog es jedoch schon 1920 nach Berlin, damals das intellektuelle und künstlerische Zentrum Europas.
Obwohl nur ein kleiner Telefonist, gelang ihm der Coup, die anonym reisende Frau des russischen Dichters Maxim Gorki zu interviewen und bei Theater- und Filmzar Max Reinhardt bzw. Dr. Murnau als Assistent zu arbeiten.
1922 besuchte Leopold einen seiner Onkel in Jerusalem. Von dort fungierte er als Nahost-Korrespondent der Frankfurter Zeitung, dem prestigereichsten Blatt Deutschlands. Aus Opposition zu der aggressiven zionistischen Besiedelung Palästinas wurde Asad zu einem jüdischen Anti-Zionisten, zumal er dort seine emotionale und intellektuelle Affinität zum Arabertum entdeckte. Dieses besang er in seinem ersten Buch, Unromantisches Morgenland - Aus dem Tagebuch einer Reise (Frankfurt 1924) in hochpoetischer Sprache, mit Anklängen an Rainer Maria Rilke.
Mit der weitaus älteren hanseatischen Malerin Elsa Schiemann, seiner ersten Frau, bereiste er den Mittleren Osten. Die beiden konvertierten 1926 in Berlin zum Islam, doch Elsa verstarb schon im nächsten Jahr in Mekka während ihrer ersten Pilgerfahrt. Der frischgebackene Muslim, jetzt Muhammad Asad genannt, blieb nun sechs Jahre in Saudi Arabien, wo er neben Harry St.John Philby zu einem der engsten Berater des Gründerkönigs Abd al-Aziz ibn Saud wurde. Er heiratete nun arabische Frauen und erlernte das reine Arabisch der Beduinen quasi im Zelt. Munira bint Husayn al-Shammari, Tochter eines Stammeschefs, schenkte ihm 1932 sein einziges Kind, Talal (zuletzt Anthropologie-Professor an der New School of Social Research in New York City.)
1932 nahm der berühmte Dichter Muhammad Iqbal, geistiger Gründer Pakistans, Asad nach Indien mit. Dort veröffentlichte er sein erstes, geradezu hellsichtiges kulturkritisches Buch, Islam am Scheideweg (Islam at the cross-roads, Delhi-Lahore 1934). Leider wurde er während des gesamten 2. Weltkriegs interniert, weil er 1938 automatisch deutscher Staatsbürger geworden war.
Als Indien 1947 auseinanderbrach, floh Asad in das neu gegründete Pakistan. Dabei ging sein Manuskript einer kommentierten englischen Fassung von al-Bukharis neunbändiger Hadith-Sammlung bis auf den ersten Band verloren (Sahih al-Bukhari, Gibraltar: Dar al-Andalus 1981).
In Pakistan wurde Asad mit Einrichtung eines Departments für die Wiederherstellung des Islam beauftragt sowie aktiver Radio-Prediger. Dann kam er als Leiter der Nah- und Mittelost-Abteilung in das neue pakistanische Außenministerium. 1952 wurde er Gesandter der pakistanischen V.N.-Vertretung in New York, und damit pakistanischer Staatsangehöriger.
Im gleichen Jahr heiratete Asad die polnisch-amerikanische Muslima Pola Hamida und nahm Abschied vom pakistanischen Auswärtigen Dienst, um sein sensationell erfolgreich gewordenes Buch The Road to Mecca (1954), ein Welt-Bestseller, zu schreiben (Der Weg nach Mekka, Frankfurt: Fischer Verlag 1955).
Jetzt finanziell unabhängig, konzentrierte sich Asad auf sein Lebenswerk: Die kommentierte Übersetzung des Koran in Shakespear'schem Englisch. Nach 16-jähriger Arbeit daran erschien sie 1980 als The Message of the Qur’an (Bitton, Bristol: The Book Foundation, 2. Aufl. 2003). (Eine deutsche Übersetzung ist in Vorbereitung.)
Asads Wanderleben - USA, Deutschland, Libanon, Marokko, Portugal, Spanien - setzte sich bis zu seinem Tod am 20. Febuar 1992 in Mijas (Malaga) fort. Trotzdem konnte er noch eine Aufsatzsammlung (This Law of Ours and other Essays) und ein juristisches Schlüsselwerk (The Principles of State and Government in Islam, 1961) herausbringen. Asad ist auf dem muslimischen Friedhof in Granada beigesetzt. Der Wiener Ethnologe und Kulturanthropologe Günther Windhager hat eine vorzügliche Biographie über Asads Weg bis zu seiner Konversion vorgelegt und arbeitet jetzt an einem Fortsetzungsband (Leopold Weiss alias Muhammad Asad - Von Galizien nach Arabien 1900-1927; Böhlau-Verlag 2002).

Fragen über Fragen

Die Entwicklung des Islam in Deutschland wirft Fragen auf:
* Aus welchen Schichten kamen die deutschen Konvertiten?
* Was waren ihre Motive?
* Wie sind sie organisiert?
* Wie steht es mit ihrer staatlichen Anerkennung?
* Was sind ihre Probleme bezüglich Schule, Moscheebau, Schächten, Kopftuch und Beerdigung?
* Kann man überhaupt als Muslim in Deutschland leben? All dem will ich im folgenden nachgehen.

Warum werden Deutsche Muslime?

Über die Wege, welche Europäer zum Islam führen, liegen Materialsammlungen wie D’une fois àl’autre von Lisbeth Rocher und Fatima Cherqaoui (Ed. Seuil, Paris'1986) vor; auch das Bändchen Deutsche von Allah geleitet von Muhammad Ahmad Rassoul (Köln 1982) ist dafür ganz nützlich. Danach gibt es keinen typischen Weg zum Islam, sondern unzählige individuelle Pfade. Die meisten Konvertiten folgen nach einem akuten Gefühl von Leere und Sinnlosigkeit einem inneren Ruf, so wie das schon bei großen Vorgängern wie Scheich Rene Guenon (1886 - 1951) der Fall gewesen war. Dennoch lassen sich die meisten deutschen Konvertiten ihrer Herkunft nach in vier, allerdings überlappende Gruppen einteilen:

* Gastarbeiter: Damit sind nicht türkische oder tunesische Arbeiter gemeint, welche zur Arbeit nach Deutschland gekommen sind, sondern Deutsche, die im Ausland arbeitend mit dem Islam in engen Kontakt gekommen sind: als Ingenieure, Architekten, Industrievertreter, Journalisten, Entwicklungshelfer, Montage-Arbeiter, Militärattaches oder Diplomaten. Manche davon waren von der auf den Islam zurückzuführende Lebensqualität in der muslimische Welt so beeindruckt, daß sie sie dem quantitativ in jeder Hinsicht überlegenen Okzident vorzogen. Jedenfalls spielte die kulturelle Affinität zum Orient bei vielen westlichen Konvertiten eine Rolle.

* Ehemänner: Viele deutsche Männer verlieben sich in eine schöne Türkin, erfahren aber dann von ihren Eltern, daß für sie nur ein Muslim als Schwiegersohn in Frage kommt. Daraufhin nehmen manche dieser Männer den Islam in Kauf, um ihre Schöne zu ergattern. Doch dann, der Herzenswärme, Frömmigkeit und Solidarität einer echt muslimischen Familie ausgesetzt, konvertieren viele solcher Proforma-Muslime nach einiger Zeit auch innerlich zu ihrem neuen Glauben.

* Grüne: Dabei handelt es sich meist um junge Menschen, die aus Protest gegen die Entgleisungen der modernen Industriegesellschaft, ihren Konsumrausch und Turbo-Kapitalismus, schon seit längerem auf einer ideologischen Reise, wenn nicht zivilisatorisch auf der Flucht sind: Auf der Suche nach einer universellen, gerechteren Gesellschaft mit sozialer Moral, aber ohne einzwängende Hierarchien, kurzum einer Gesellschaft mit Nestwärme, die Sinn vermittelt. Die islamische Gemeinschaft in Deutschland ist diesen „grün" Gesinnten als überzeugende Alternative sympathisch, zumal sie in ihr das internationale Dritte-Welt-Milieu finden, das sie so schätzen. Diese Reise zum Islam kann über seltsame Umwege führen. Typische Etappen mögen eine sozialistische Kommune, ein Flirt mit dem Buddhismus oder die Jüngerschaft bei einem Baghwan-Guru sein. Früher oder später kommen einige solcher „Menschen im Transit" beim Islam - als Endstation - an.

* Islamologen: Diese Gruppe setzt sich aus Studentern zusammen, die an einer der 19 deutschen Universitäten mit entsprechendem Lehrstuhl Orientalistik studieren, weil sie eine unerklärliche Affinität zum arabo-islamischen Raum empfinden. Das Studium wird ihnen dann mehr, viel mehr, nämlich die Erfüllung einer bis dahin nur geahnten Berufung zum Islam.

Für alle Gruppen gilt, daß viele der neuen Muslime fast unmerklich in den Islam hineinwachsen. Die bedeutende französische Muslima Eva de Vitray-Meyerovitch beschrieb diesen Prozeß so: „Man bekehrt sich nicht zum Islam; man findet eine Religion vor, die alle anderen enthält."

Muslim werden - Deutscher bleiben

Die meisten deutschen Muslime sind dank eines Kontakts zu einem arabischen Land, der Türkei, Pakistan oder Indonesien zum Islam gekommen, im Inland oder im Ausland. Und das sieht man ihnen nicht selten an; denn viele deutsche Muslime entwickeln eine überbordende Orientophilie, die sich vor allem in ihrer Kleidung und Sprache manifestiert.
Um den Propheten bis in Kleinigkeiten nachzuahmen, tragen manche auch in Deutschland eine wallende Dschellaba, in selteneren Fällen als Sufis sogar mit Turban. Auch würzen sie ihre deutsche Sprache gerne mit Arabismen wie inschaAllah (so Gott will), ma scha'Allah (Gott erhalt’s), Allahu akbar (als Zeichen des Erstaunens) oder barakatullahi fik ! (Gottes Segen sei mit Dir). Es ist verständlich, daß ein neuer Muslim seiner kafir-Umwelt, den Anders- oder Ungläubigen um ihn herum, auch äußerlich zeigen will, daß sich bei ihm Entscheidendes geändert hat. Dennoch ist es fragwürdig - weil vom Islam eher abschreckend - sich als Deutscher im Mitteleuropa des 21. Jahrhunderts zu kleiden und zu essen wie ein Araber der Hidschas-Region im 7. Jahrhundert; denn so wird man zum Fremden im eigenen Land und projiziert den Islam als eine Sub-Kultur, ja als religiöse Folklore.
Dieser Effekt ist schädlich, weil viele Muslime hierzulande ohnedies Gefahr laufen, als diskriminierte Gastarbeiter in einem Hinterhof-Ghetto gefangen zu bleiben. Da gehört der Islam nicht hin. Als Untergrundreligion mag er in einer Diktatur überleben, nicht aber in einer Demokratie.

EURO-lslam ?

Dies ist der Hintergrund der nie endenden Diskussion unter deutschen Muslimen: „Was ist des deutschen Muslims Vaterland?" Soll er, muß er emigrieren wie sein Prophet 620 - von einer gottlosen in eine gottgefälligere Welt? Doch wenn Deutschland sein Vaterland ist - und es ist es - kann er dann nicht auch als Muslim wie ein Deutscher gekleidet sein und sprechen?
Jedenfalls soll der Islam in Deutschland nicht als ein Anhängsel der türkischen Kultur (und Politik!) und damit als eine „Ausländerreligion" erscheinen. Sonst nährten die Muslime ja selbst ein Vorurteil, dem schon die Koran-Übersetzer Schweigger und Megerlin mit ihrer Vorstellung vom Koran als „türkischer Bibel" vor 300 Jahren erlegen waren. Schließlich hat sich der Islam im Laufe der Geschichte mit den unterschiedlichsten Zivilisationen vermählt - von der persischen und türkischen über die indische und indonesische bis zur berberischen - warum also kein „Islam mit deutschem Gesicht"?
Allerdings sollte dies nicht dazu führen, daß sich deutschbürtige Muslime organisatorisch zusammenschließen, wie dies die „Deutsche Muslim Liga" tut. Deutsch sprachige Muslim-lnstitutionen: ja. Aber keine die Internationalität und Universalität des Islam verneinenden ethnisch strukturierten Verbände. Eine Sprengung der Umma in Deutschland in Deutschbürtige und Ausländer wäre fürwahr kontraproduktiv und damit fatal für den Integrationsprozeß. Die deutschen Muslime werden die Anerkennung des Islam in Deutschland zusammen mit ihren ausländischen Schwestern und Brüdern schaffen - oder gar nicht. Natürlich darf es auch keinen „EURO-lslam" im Sinne von Bassam Tibi geben, also ein völlig assimilierter revisionistischer „Kultur-Islam", der die Einheit der Muslime sprengen und den Namen Islam nicht mehr verdienen würde. Richtig an diesem Terminus ist lediglich, daß die amerikanischen und europäischen Muslime methodisch viel in die weltweite Umma einzubringen haben, weil ihre wissenschaftliche Neugierde und Skepsis unverbogen sind. Sie kommen in die islamische Gemeinschaft nicht nur mit frischem Blut, sondern auch mit neuen Augen. Da sie nicht der traditionellen, von Autoritätsgläubigkeit geprägten muslimischen Erziehung ausgesetzt waren, sind sie im Zweifel wenn nicht fachlich, so doch psychologisch besser befähigt, das de facto so lange geschlossene Tor zur zeitgenössischen Auslegung der islamischen Quellen (bab al-idschtihad) nicht nur zu öffnen, sondern zu durchschreiten. Damit will ich nicht provokant mit dem französischen Muslim Johan Cartigny behaupten, der wahre Islam sei im Exil, also nur noch im Westen zu finden. Keineswegs! Denn diese vor allem von europäischen Sufis vertretene elitäre Sicht geht ohnedies davon aus, daß wahres Muslim-Sein immer Angelegenheit einiger weniger bleibe; eigentlich müsse jeder geborene Muslim nochmals zum Islam bekehrt werden...
Vielmehr ist zu erwarten, daß die schon im 19. Jahrhundert mit Muhammad Abdu begonnene theologische Revitalisierung des Islam sich im 21. Jahrhundert vollenden wird - im Zusammenwirken europäischer, amerikanischer u n d mutiger, aufgeschlossener arabischer, pakistanischer, türkischer und malaisisch-indonesischer Gelehrter. Viele der letzteren Gruppe waren bereits wie Fazlur Rahmanjaha Jabir al-Alwani und Fathi Osman in den Westen emigriert, weil sie nur hier die notwendigen Arbeitsbedingungen fanden: ohne Zensur und obrigkeitliche Gefahr für Leib und Leben.

Vielfalt - Reichtum oder Fluch ?

Nach einem Ausspruch des Propheten Muhammad ist die Vielfältigkeit seiner Umma ein Reichtum. Gleichwohl kann man Vielfalt auch übertreiben. Die Zersplitterung der Muslime in Deutschland ist jedenfalls nicht nur beglückend. Es ist gewiß verständlich, daß sich die Gastarbeiter in Deutschland vor 30 Jahren zunächst landsmannschaftlich zusammenfanden; denn Ausländersein ist am Anfang sehr schwer - und später nicht leicht. Die Gliederung der Muslime nach nationalen Kriterien wurde überdies von ihren Heimatländern gefördert, die auf diesem Wege ihre politische Emigration kontrollieren wollten. So gibt es noch immer marokkanische und algerische, bosnische, albanische und iranische Moscheen in Deutschland.
Leider sind die Muslime in Deutschland auch nach religiösen Merkmalen zersplittert. Man ist eben nicht nur Türke, sondern sunnitischer oder alevitischer, kurdischer oder tscherkessischer Türke, Sufi oder Orthodoxer - ganz abgesehen von der Frage: Wie hältst Du es mit Mustafa Kemal, genannt Atatürk? Als Folge davon gibt es eine ganze Reihe muslimisch aktiver, aber rivalisierender türkischer Großverbände in Deutschland. Am bekanntesten sind die dem Kemalismus gegenüber kritisch eingestellte Islamische Gemeinschaft Milli Görus (IGMG) und die staatstreue und staatlich finanzierte Türkisch-Islamische Union (DITIB), die von der türkischen Religionsbehörde in Ankara (DIYANET) gesteuert wird Dazwischen agieren eher sufisch ausgerichtete Dachverbände, die von Gründerfiguren wie Süleyman Tunahan (Süley-mancilar) oder Said Nursi und Fethula Gülen (Nurculuklar) geprägt sind. Auch sie sind Befehlsempfänger aus ihren Hauptquartieren in Istanbul.

Vor diesem Hintergrund ist es kaum übertrieben zu sagen, daß sämtliche Spaltungen, unter denen die islamische Welt zu leiden hat, sich unverfälscht in Deutschland spiegeln, ja hierher projiziert werden. Der Gegensatz zwischen Sunniten und Schiiten, Orthodoxen und Sufis, rechtgläubigen und heterodoxen Bruderschaften und Sekten - jeder dieser Gegensätze wird auch auf deutschem Boden ausgetragen - von direkten Einflüssen aus Libyen, dem Iran, Saudi Arabien oder dem Sudan - ganz zu schweigen. All dies vor den verwirrten Augen eines schon fremdsprachlich überforderten Verfassungsschutzes.
Möchten Sie eine schiitische Moschee kennenlernen? Nicht nötig, deswegen nach Nadschaf, Kerbela oder Qum zu fahrern, Hamburgs Außenalster tuts auch. Möchten Sie Sufis der sunnitischen Naqschibandi-Bruderschaft oder der Bektaschi treffen ? Nicht bis Anatolien reisen, Deutschland tuts auch. Möchten Sie Vertreter der dort geächteten pakistanischen Ahmadiyya-Sekte befragen? Ein Abstecher nach Frankfurt oder Berlin genügt dafür.

Organisatorische Einheit ?

Doch auch die deutschbürtigen Muslime ziehen nicht alle an einem Strang. Man könnte meinen, sie seien allesamt zu Einzelkämpfem ausgebildet worden. So arbeitet M. S. Abdullah (alias Krähwinkel) mit seinem Zentralinstitut Islam-Archiv Deutschland in Soest recht isoliert vor sich hin. Und ein gemeinsamer Dachverband aller Muslime in Deutschland fehlt auch. Immerhin gibt es seit über einer Dekade drei große, überregionale Dachverbände, denen die Mehrheit aller Muslime in Deutschland in der einen oder anderen Form angehören:
* der schon genannte staatlich-türkische Verband DITIB, der eng mit den Religionsattachés der türkischen Auslandsvertretungen in der Bundesrepublik zusammenarbeitet (Köln);
* der türkisch geprägte, nichtstaatliche Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland (Vorsitzender: Ali Kizilkaya; Köln);
* der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD; bei Aachen), dessen bisheriger Vorsitzender, Dr. Nadeem Elyas (1994-2006), in der Außenvertretung des Islam in Deutschland Außerordentliches geleistet hatte. Besonders bekanntgeworden ist der ZMD durch seine 2002 veröffentlichte „Islamische Charta" und seine Webseite islam.de, die von Aiman Mazyek betreut wird.
Seit dem 11. September 2001 ist das Bedürfnis nach größerer organisatorischer Einheit der Muslime in Deutschland merklich angewachsen. Denn seither sind sie einer immer bedrohlicher werdenden Islamophobie ausgesetzt, zumal die deutsche Öffentlichkeit es offenbar ohne großen Protest hinnimmt, wenn der Grundgesetzschutz gegenüber Muslimen relativiert wird. Auch mußten die Muslime die Erfahrung machen, daß deutsche Behörden sie gerne gegeneinander ausspielen und ihre bisherige organisatorische Vielfalt zum Vorwand nehmen, dem Islam in Deutschland jegliche Repräsentanz abzusprechen.
Daher kam es 2005 zu einer, erstaunlicherweise von allen muslimischen Organisationen in Deutschland (natürlich außer der türkisch-staatlichen DITIB) getragenen Initiative zur Gründung einer „Islamischen Religionsgemeinschaft in Deutschland" (IRD), in der sowohl der Zentralrat wie der Islamrat aufgehen. Die Satzungsentwürfe dafür sind so weit gediehen, daß 2006 mit Gründung der IRD als eingetragener Verein, (noch) nicht als Religionskörperschaft des öffentlichen Rechts, begonnen werden könnte, nämlich durch Gründung von zunächst sechs Landesverbänden.
Ziel ist eine einheitliche, föderative, transparente, multi-ethnische und in Berlin präsente Vertretung aller Muslime in Deutschland.
An Anerkennung der IRD als Religionskörperschaft des öffentlichen Rechts ist vorerst nicht gedacht, zumal dies sehr weitgehende Konsequenzen hätte (Kirchensteuer; Feiertagsregelung; Medienzugang).

Islam in den Medien
(a) Muslimische Medien

Viele Jahre war die von Ahmad von Denffer in München betreute Zeitschrift „AI-Islam" das Flagschiff der islamischen Medien in Deutschland, wenn es daneben auch Spezial Veröffentlichungen der Frauen („Huda") und von Sufis („Der Abendstern") gab. Heute gibt die von Rechtsanwalt Abu Bakr Rieger in Berlin herausgegebene, vielseitige Islamische Zeitung den Ton an. Als erstes islamisches Presseorgan in Deutschland wurde es unwillkürlich auch zu einem Wegbereiter der sich anbahnenden Einheit der hiesigen Muslime. Die Islamische Zeitung, früher in Weimar verlegt, erscheint bisher dreiwöchig, ist aber bereits an einigen Kiosken erhältlich. Ihre Webseite ist www.islamische-zeitung.de.
Ein trendiges muslimisches Glanzmagazin wie „emel" (London) oder einen leistungsfähigen muslimischen Verlag gibt es hingegen in Deutschland noch nicht, so daß seriöse Literatur zu islamischen Themen nach wie vor vor allem im C. H. Beck Verlag und Eugen Diederichs Verlag, beide in München, erscheint.
An muslimischen Webseiten fehlt es hingegen nicht. Neben islam.de gibt es u.a. islamrat.de, igmg.de, deutsche-muslim-liga.de, muslimehelfen.de, huda.de, muslima-aktiv.de, al-islam-web.de, haus-des-islam.de, Abendstern.de, muslimmarkt.de, meinkopftuch.org, mjd-net.de (Muslimische Jugend), schurahamburg.de.

(b) Der Islam in deutschen Medien

Die muslimische Medien-Wissenschaftlerin Dr. Sabine Schiffer widmete 2005 ihre Dissertation an der Universität Erlangen-Nürnberg der „Darstellung des Islam in der Presse". Das Ergebnis war verheerend; denn sie wies nach, daß der Islam bisher viel zu oft und in gefährlichem Maße („Worte können töten") negativ verzerrt dargestellt wurde. Dabei kamen Methoden zum Tragen wie Stereotypisierung, Ausblenden, Platzierung („Hingucker") und Entmenschlichung, die schon deshalb wirksam sind, weil Veröffentlichen überzeugen und wiederholen beweisen bedeutet.
So wie es auf internationaler Ebene wahre mediale „Islamfresser" wie den in England lebenden Inder mit dem Pseudonym Ibn Warraq gibt, so hat auch Deutschland einen Autor, Hans Peter Raddatz, dessen Haß auf alles Islamische bedrückend ist.

An der Basis spielt die Musik

Die akademische Personaldecke der Muslime in Deutschland ist im Wachsen, aber noch recht dünn. Daher gibt es warnende Stimmen, wie die von Ahmad von Denffer (Islamisches Zentrum München), die vor organisatorischer Überdehnung warnen. In der Tat ist für die Zukunft des Islam in Deutschland maßgeblich, was sich an der Basis, an der „Grasnarbe", tut.

Glücklicherweise ist die islamische Infrastruktur hierzulande trotz aller Probleme, die weiter unten besprochen werden, recht solide gewachsen. Man denke nur an die Gemeinschaft muslimischer Sozial- und Geisteswissenschafter / GMSG (Ibrahim al-Zayat), die Islamische Föderation Berlin, die sog. SCHURA in Hamburg mit ihrem umtriebigen Vorsitzenden, Dr. Mustafa Yoldasch, das von Muhammad Siddiq (Borgfeld) geprägte „Haus des Islam" in Lützelbach (Odenwald) und die vielen, äußerst aktiven Islamischen Zentren, wie beispielhaft die in München (Ahmad von Denffer), Nürnberg, Würzburg (Dr. Sadiqu al-Mousslie), Aachen, Köln, Essen und Hannover. Die Muslimische Studenten-Vereinigung (MSV), darunter sehr viele aktive muslimische AkademikerInnen, spielt an Universitäten wie Göttingen, Erlangen, Frankfurt und Bochum eine entscheidende Rolle. Symptomatisch für die Entwicklung ist es, daß es aus puren Kapazitätsgründen heute nicht mehr möglich ist, die seit 1976 reihum und seit 1981 alljährlich in Aachen, Hamburg und München veranstalteten „Treffen deutschsprachiger Muslime" (TDM) fortzusetzen.
Nur auf dem Schulsektor hinken die deutschen Muslimen weit hinter ihren amerikanischen und britischen Kollegen hinterher. Bisher gibt es nur drei muslimische Schulen in Deutschland: in Berlin-Zentrum, Bonn-Lannesdorf (König Fahd-Akademie) und München-Freimann. Letztere wurde 2005 von den bayrischen Behörden nach 25 Jahren erfolgreicher Arbeit aus durchsichtigen Gründen geschlossen.

Problem 1: Islamischer Schulunterricht

Laut Grundgesetz, nämlich der aus der Weimarer Verfassung dorthin übernommen Religionsartikel, haben die 600.000 muslimische Kinder in deutschen Schulen Recht auf religiöse Unterweisung, so wie ihre evangelischen und katholischen Klassenkameraden auch. Doch gleich sein bedeute hier nicht ohne weiteres, gleich behandelt zu werden. Jedenfalls - Grundgesetz hin oder her - gibt es nennenswerten muslimischen Religionsunterricht bisher nur in Berlin. „Berliner Lösung" bedeutet, daß das Land nur die Schulräume und die Islamische Föderation Berlin Lehrkräfte und Curriculum stellt. Zunächst schützten die deutschen Schulbehörden vor, die Gastarbeiterkinder, wie ihre Eltern, seien ja nur vorübergehend da. 30 Jahre lang verschloß man die Augen vor den schulpolitischen Tatsachen, indem man formelhaft vor sich hin murmelte: „Deutschland ist kein Einwanderungsland, Deutschland ist kein Einwanderungsland, ...".
Dann behauptete man, daß es kein Curriculum für den islamischen Religionsunterricht gebe, und bastelte - so in Nordrhein-Westfalen - über zwei Jahrzehnte lang daran herum, selbstverständlich ohne Beteiligung der Muslime. Schließlich wollte man sich zum islamischen Religionsunterricht mangels qualifizierter Lehrkräfte außer Stande sehen. Dabei übersah man geflissentlich, daß es schon seit langem qualifizierte Absolventen der islamischen religionspädagogischen Lehranstalt in Wien gibt, deren Diploma gemäß bilateralem Vertrag in Deutschland anzuerkennen sind. (In Österreich ist der Islam staatlich anerkannt - eine Spätfolge der Annexion von Bosnien-Herzegovina durch die Habsburger.) Die Ausrede mangelnden Lehrpersonals ist inzwischen noch absurder geworden; denn der mit einem deutschen Muslim, Prof. Dr. Muhammad Kalisch, besetzte islamologische Lehrstuhl der Universität Münster „produziert" inzwischen muslimische Religionspädagogen mitten in NRW.
Der 11. September hat auch in dieser Hinsicht Beine gemacht. Plötzlich bemüht sich selbst Bayern, mit Schulversuchen in Oberfranken den neuerdings als gefährlich betrachteten Koranschulen künftig das Wasser abzugraben. Neue Hoffnung, daß es endlich grundgesetzkonform zu islamischem Schulunterricht kommt, hat das Bundesverfassungsgericht geweckt, als es 2005 entschied, daß NRW die bestehenden muslimischen Organisation dafür als Partner anerkennen muß.

Immerhin war es Professor Abdoljavid Falaturi in den 1980er Jahren in Köln mit einer breit angelegten Schulbuchanalyse bereits gelungen, wenigstens die in Deutschland benutzten Lehrbücher für Geschichte, Geographie und Religion von falschen Darstellungen des Islam zu reinigen. Seine Bestandsaufnahme aus 600 von 1979-1986 zugelassenen Büchern war beklemmend und erinnerte an das Thema „Schreibtischtäterschaft". Ist es auszuschließen, daß Brandanschläge auf Moscheen (wie bereits 1995 in München) auch auf negative Darstellungen islamischer Themen in Schulbüchern zurückzuführen sind? Falaturi veröffentlichte 1991 konkrete Vorschläge für eine sachgerechte Formulierung solcher Themen in künftigen Schulbuchausgaben. Sein Wort nicht nur in Gottes Ohr!

Problem 2: Moscheebau

Bauvorhaben werden in Deutschland nach dem Baurecht abgewickelt, außer wenn es sich um Moscheen handelt. Dann kommen noch viele anderen Kräfte und Kriterien ins Spiel. Kurzum: Jeder Moscheebau hierzulande wird zu einem Politikum, einer wahrhaft öffentlichen Angelegenheit. Dabei sollte man doch eigentlich aus sozial-hygienischen Gründen darüber froh sein, daß die Muslime anstelle ihrer Hinterhofexistenz - es gibt noch immer über 2000 provisorische Moscheen in alten Lagerhäusern und ähnlichem - repräsentative Gotteshäuser bauen wollen.
Daß eine Moschee dort gebaut wird, wo Kirchen normalerweise stehen, nämlich im Ortszentrum, kommt scheinbar nicht in Frage. Moscheen in Deutschland finden sich meist jenseits der Bahnlinie oder im Industriegelände. Selbst dann jedoch kann sich die Baugenehmigung eine Dekade lang hinziehen, zumal sich gegen fast jedes Moschebauprojekt Bürgerbewegungen bilden, die das Abendland retten möchten.
Wenn dann die Baugenehmigung kommt, schreibt sie mit größter Wahrscheinlichkeit vor, daß das Minarett niedriger als der nächste Kirchturm sein muß und keinesfalls seiner Bestimmung dienen darf, dem Gebetsruf, lautsprecherverstärkt oder nicht. Man möchte es nicht glauben, aber manchmal wird sogar das baurechtliche Verbot ausgesprochen, die Moschee zum Morgengebet zu nutzen, um den Schlaf der Anlieger durch an- und abfahrende Autos nicht zu stören. (Was müßte nach diesem Kriterium alles geschlossen bzw. verboten werden, einschließlich des Glockenläutens!)
Besonders kurios ist der häufig gemachte, baurechtlich aber irrelevante Einwand, Moscheen „paßten nicht" in das deutsche Landschafts- oder Städtebild. Seltsam. Denn daß Moscheen ästhetisch in die europäische Landschaft von Bosnien und das westliche Städtebild von Sarajewo passen, hat noch niemand bezweifelt. (Es geht halt auch nicht um Ästhetik, sondern um Ideologie.)
Kurzum, jeder Moscheebau in Deutschland hat das Zeug, sich zu einer Tragikomödie zu entwickeln. Daher gibt es bisher weniger als 70 als Moscheen gebaute Moscheen in Deutschland.

Problem 3: Kopftuch

Der Koran schreibt Mann und Frau vor, sich dezent - also keineswegs sexuell provokant - zu kleiden. Die maßgeblichen Vorschriften dafür finden sich, wie schon erwähnt, in den Versen 24:32 und 33: 59. Ob dies Muslimas verpflichtet, ihr Kopfhaar unter allen Umständen zu bedecken, darüber sind sich - wie über vieles andere auch - nicht alle Muslime einig.
Doch ob es nun ein verbindliches Kopftuchgebot gibt oder nicht: Keinesfalls steht es deutschen Behörden zu, darüber zu befinden, also quasi eine bayrische oder baden-württembergische fatwa zu erlassen, so wie man sich in Deutschland ja auch nicht anmaßen würde, Juden den Talmud auszulegen. Genau so eindeutig scheint es den deutschen Muslimen zu sein, daß der Staat keineswegs das Recht hat, deutschen Frauen vorzuschreiben, wie sie sich anzuziehen haben, zumindest wenn es sich nicht um zu wenig, sondern um angeblich zu viel Kleidung handelt.
Dagegen wird eingewandt, daß es in Deutschland ja nur darum gehe, Schulkinder vor religiöser Beeinflussung durch kopftuchtragende Lehrerinnen zu schützen. Weshalb die gleichen Schüler von Kreuzen an der Wand oder um den Hals der Lehrerin, Kippas auf dem Kopf eines jüdischen Lehrers und von der Tracht katholischer Nonnen und Priestern nicht beeinflußt werden, bleibt unerfindlich. Ich vermute, daß unsere Schüler, die ja ganz andere mediale Einflüsse verkraften müssen, recht gut zwischen einem Kopftuch und dem Kopf darunter zu unterscheiden wissen.
Schlimm ist jedenfalls der vorherzusehende Effekt, daß das einmal bei Lehrerinnen stigmatisierte Kopftuch auch in anderen Berufszweigen untersagt wird, so daß sich ein religiös intolerantes Klima ausbreitet. Zu denken sollte jedenfalls geben, daß Großbritannien, das prozentual viel mehr Muslime als Deutschland hat, gar nicht daran denkt, ein Kopftuchverbot zu erlassen und daß muslimische Soldatinnen in den Vereinigten Staaten ihr Kopftuch auch im Dienst tragen dürfen. Steckt hinter der Kopftuchphobie in Deutschland vielleicht doch mehr an anti-islamischer Einstellung als man sich zugesteht?

Problem 4: Schächten

Juden und Muslimen ist es aufgrund ihrer heiligen Schriften geboten, nur Fleisch zu essen, das nicht vom Schwein stammt und im Namen Gottes durch Schächten geschlachtet wurde. Diese Methode erlaubt das völlige Ausbluten.
Niemand in Deutschland würde es wagen, den Juden das Schächten zu untersagen. Doch Muslimen will man es verbieten, obwohl ein solches Verbot eine krasse Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes bedeutet. Deshalb obsiegten die Muslime auch in diesem Punkt vor dem Bundesverfassungsgericht. Traurig ist nur, daß sie alle ihre Rechte, die anderen problemlos eingeräumt werden, auf dem Rechtsweg durch alle Instanzen einklagen müssen.

Problem 5: Beerdigung

Die Probleme eines Muslims hören in Deutschland noch nicht einmal mit seinem Tod auf; denn Muslime wollen nach islamischem Ritus beerdigt werden, also ohne Sarg, in (evtl. von der Pilgerfahrt zurückgebrachten) zwei Leintücher eingehüllt so auf der rechten Seite liegend, daß der Blick in Richtung Mekka geht. (Deshalb sind auf muslimischen Friedhöfen alle Gräber parallel zu einander angelegt.)
Obwohl die sarglose Bestattung die Wiederverwendungsmöglichkeit der Gräber stark beschleunigt, lassen nur NRW und eine Gemeinden außerhalb davon bisher die islamische Bestattung zu. Davon profitieren vor allem türkische Bestattungsinstitute, weil sie wegen der deutschen Inflexibilität jährlich tausende von verzinkten Särgen in die Türkei transportieren können.

Problem 6: Islamisches Erbrecht

Deutsche Staatsbürger unterliegen dem deutschen Erbrecht, also dem 5. Buch des BGB, auch wenn sie Muslime sind. Die Scharia hingegen regelt die Erbfolge sehr detailliert und meist anders als das Bürgerliche Gesetzbuch. Was tun? Dem, der die islamischen Normen einhalten will, bleibt nur der Ausweg, sich freiwillig am koranischen Erbrecht zu orientieren, sei es durch Schenkung zu Lebzeiten des Erblassers oder durch letzwillige Verfügung - in der Hoffnung, daß kein Beteiligter das Testament ausschlägt und seinen Pflichtteil verlangt.

Der Weg voran

Die Muslime in Deutschland hatte man lange nicht als einen kulturellen Faktor wahrgenommen. Sie genossen lange Zeit eine subkulturelle Narrenfreiheit und belebten die gastronomische Szene exotisch (Stichwort Döner Kebab). Inzwischen wollen sie nicht mehr nur toleriert, sondern anerkannt werden, so wie Johann Wolfgang von Goethe es in „Maxime und Relexionen" Nr. 121 vorgezeichnet hat:
„Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein, sie muß zur Anerkennung führen.
Dulden heißt beleidigen."
Doch während die Muslime in Deutschland - nicht assimiliert, aber integriert -einen wertvollen Beitrag zur Erhaltung der vom Werteverfall bedrohten westlichen Zivilisation leisten wollen, ist das Mißtrauen gegen sie gestiegen - zufolge tragischer Ereignisse wie die Rushdie Affaire, der 11. September in den USA, der 11. März in Spanien und die Attentatsserie 2005 in London, gewiß auch zufolge der beiden Golfkriege.
Denn inzwischen wird selbst die Verfassungstreue der Muslime, ihre Respektierung der Menschenrechte und ihre Demokratiefähigkeit offen angezweifelt. Die angebahnte Fragebogenaktion in Baden-Württemberg, der nur einbürgerungswillige Muslime unterworfen werden sollen, spricht Bände über ein grassierendes Feinbild Islam. Wie aber dieses abbauen, solange es in Deutschland immer noch nicht als Bildungslücke gilt, vom Islam nichts zu wissen? (Murad Wilfried Hofmann)

 

 

 

 

 

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